VNL Fachtagung Logistik im Gesundheitswesen

Rudolf Bucher und Fritz Bühler wurden 2025  in die Swiss Supply  Chain Hall of Fame aufgenommen. Welch eine Auszeichnung für die Logistik im Gesundheitswesen! Eine grosse Wertschätzung für all die Menschen, die sich für Leib und Wohl ihrer Mitmenschen in Not und Krankheit einsetzen. Auch heute gilt: ohne Logistik gäbe es kein wirkungsvolles Gesundheitswesen. Nicht umsonst wird Logistik vermehrt als kritische Infrastruktur gesehen, die für eine effiziente und nachhaltige Volkswirtschaft das notwendige Rückgrat bildet.

Die Gesundheitslogistik steht mehr denn je vor grossen Herausforderungen: Dr. Peter Kauf (Prognosix) brachte es in seinem Vortrag auf den Punkt: Bis 2023 wird es ca. 23% mehr Menschen über 65 geben, die Spital- und Gesundheitsleistungen benötigen. Das bedeutet auch, dass ca. 30% mehr Pflegepersonal benötigt wird, und gleichzeitig 10% weniger Arbeitskräfte zur Verfügung stehen. Besorgniserregend ist dabei, dass Pflegende bis zu 40% ihrer Zeit nicht mit den Patienten verbringen. Dies Prognose bedeutet, dass bis 2030 die Flächen- und Prozesseffizienz im Spital und seinem Umfeld um ca. 25% gesteigert werden müsste. Ein weiter so, würde nicht funktionieren. Daher sind rasch Prozessinnovationen mit und in der Logistik gefragt.

Der VNL Schweiz lud am 5. November 2025 zur ersten Schweizer Fachtagung zur Logistik im Gesundheitswesen ein und brachte knapp 90 Fach- und Führungskräfte aus Spitälern, Forschung, Industrie und Logistikdienstleistung zusammen, um gemeinsam innovative Lösungsansätze zu diskutieren – von der Materialversorgung über IT und Automatisierung bis hin zu neuen Kooperationsmodellen. Der VNL bot damit die erste offene, anbieterneutrale Plattform für Austausch, Vernetzung und Impulse zur Weiterentwicklung der Spitallogistik in der Schweiz.

Wege aus dem Silodenken

Eines der grössten Herausforderung ist dabei ein Silodenken im Wertschöpfungssystem des Gesundheitswesens, das eine gleichzeitige Optimierung von Effizienz, Qualität und Versorgungssicherheit behindert. Es ist daher naheliegend, dass die gezeigten Lösungsansätze in der Überwindung der Silos liegen:

Bei Peter Kauf (Prognosix) und Christan Schläpfer (Catena) setzten auf Shared Services und künstliche Intelligenz in der Gesundheitslogistik.  Mit SCM-Ansätzen zeigen sie auf, wie interne, vertikale und horizontale Kooperationen aussehen könnten. Als Umsetzungsbeispiel wurde ein Lieferkettenkontrollturm vorgestellt, der als «Gamechanger», der bereits im Inselspital als Pilot umgesetzt wird. Gerade der Einsatz von KI könnte hier bestehende technische (u.a. Stammdaten) und organisatorische Hindernisse überwinden.

Christian Schläpfer (Catena) führte in das Konzept der Standardisierung und Modularisierung am Beispiel des VW Golfes ein. Dieser Ansatz erlaubt es heute den Golf in ca 1 Billionen Varianten zu fertigen. Plattform und Module sind das Geheimnis einer hocheffizienten Produktion vielfältiger Modelle. Die Übertragung ins Gesundheitswesen scheint naheliegend zu sein mit der Spezialisierung der Spitälern mit ihren Behandlungsplattformen und den dazu notwendigen funktionalen Aufbau von Modulen. Eine logistische Umsetzung bei der Verrechnung von Fallpauschalen.

Modulare Belieferung & Drohnenlogistik

Wie das genau funktionieren könnte, wurde von Adrian Pfister (Post) für die Just-In-Time» Fallbelieferung der Klinik Seeschau vorgestellt. Hier wurde eine Artikellieferung durch ein integriertes System abgelöst. Die OP Planung dient als Planungsgrundlage für die Zusammenstellung von entsprechenden Modulen im externen Lager, die für den OP-Ablauf notwendig sind. Die Module werden entsprechend dem OP-Plan der Klinik sicher zugestellt und wieder abgeholt. Die eingesetzte KI ermöglicht die Optimierung der Materialkreisläufe zwischen OP und Lager, ein optimiertes Bestandsmanagement und hohe Transparenz in Echtzeit über Kosten und das verbrauchte Material.

Dass im Klinikalltag die Geschwindigkeit oft für die Patienten massgeblich ist, zeigt das Pilotprojekt zum Drohneneinsatz, das von Maurus Immoos (Triemli) und Peter Trembeck (Matternet) vorgestellt wurde. Der schnelle Transfer von einem Standort zum nächsten erfordert bereits heute den Einsatz von Helikoptern. Es ist also naheliegend, dass der Einsatz von Drohnen im Spitalwesen ein nächster Schritt eines effizienten und schnellen Standorttransfer sein könnte. Das Stadtspital zeigt das Pilotprojekt, das die (vor allem behördlichen) Herausforderungen, die technische Realisierbarkeit und Chancen für den sicheren Drohneneinsatz in der Stadt aufzeigt.

Automatisieren, integrieren, vernetzen

Michael Zuber, Leiter SCM im Stadtspital Zürich, öffnete seine Türen für eine Führung durch die Logistik des Spitals und den Einsatz von fahrerlosen Transportsystemen. Obwohl die Technik bereits seit Jahren existieren, ist es vor allem die technische, prozessuale und soziale Integration im Spital, die eine Skalierung der Lösung in den bestehenden und meist begrenzten Raum- und IT-Infrastrukturen fördern bzw. behindern. Pilotlösungen wie der AMR sind daher ein sinnvoller Weg, auf dem Spitäler den Umgang mit Technologien lernen und entwickeln können.

Dass die digitale Vernetzung eine wichtige Voraussetzung für eine effiziente und sichere Versorgung ist, zeigt auch Christan Offergeld (Unity), in dem er am Beispiel des Einkaufs die Wirkung von Industrialisierung und Prozessautomatisierung aufzeigt. Durch den Einsatz von KI lassen sich u.a. die Bestands- und Lagerkosten um ca. 30%, die Logistikkosten um 20% ohne Verlust an Lieferfähigkeit reduzieren. Ein wichtiges Element ist die Synchronisierung von Anliefer-/Retourenlogistik mit der Verteil- und Sammellogistik im Spital. Der Einsatz von KI wird daher auch die Spitalorganisation verändern.

OP-Logistik und Smart Kitchen neu gedacht

Nicolina Litschgi (LP Advisory ) erkannte das Problemfeld in einer ganzheitliche OP-Prozessgestaltung. Hohe Fachkompetenz trifft hier auf geringe logistische Reife. Eine professionelle OP-Logistik bedeutet eine effiziente und reibungslose Patientenbehandlung sicherstellen. Es benötigt daher eine enge Verzahnung bzw. Integration von OP- und Logistikprozessen und gleichzeitig Standardisierung und Flexibilität, um mit unvorhergesehenen Situationen umgehen zu können. Es gilt dabei nicht nur die technische Integration zu lösen, sondern einen ganzheitlichen Ansatz zu verfolgen, der Organisation, Prozesse und Infrastruktur berücksichtigt. Die erhöhte Transparenz im Materialverbrauch reduziert u.a. um 10% die Materialkosten, Der ganzheitliche OP-Logistikansatz verschafft gleichzeitig eine deutlich höhere Flächennutzung.

Ein weiterer Ansatz eine höhere Flächennutzung zu erzielen, wurde von Mirko Borbeck (Hoffmanns) mit Smart Kitchen vorgestellt. Der direkte Prozessvergleich von «cook & serve», «cook & chill» oder «cook & freece» zeigen unterschiedliche Lösungsansätze für die Patienten und Personalverpflegung auf. Der steigende Anspruch auf Qualität und Frische führt zu nachhaltigen Veränderungen im Herstell- und Auslieferprozess. Das Cook & Freece Verfahren trennt diese Prozesse durch eine Tiefkühlphase auf. Für die Spitäler entstehen deutliche Verbesserung und Optimierung ihrer internen Speisen-Logistikprozesse.

Wenn Logistik hörbar wird

Schliesslich macht Elio Bohner (Wavestone) auf ein oft übersehenes Phänomen aufmerksam. Patienten nehmen in den Spitälern eine schlechte Logistik als Lärm war: unnötige Bewegungen, Absprachen und Ausrufe deuten auf einen hohen Koordinationsaufwand, der durch eine digitale Integration verbessert werden kann. Der Lösungsansatz basiert auf vier zentralen digitalen Fähigkeiten:

  1. das durchgängige Prozessmapping.
  2. die technische Plattformintegration, die verschiedene Systeme miteinander verbindet.
  3. automatisierte Materialversorgung oder optimierte Arbeitsabläufe und 4. die Informationstransparenz.

Zusammenfassend lässt sich die Fachtagung für Logistik im Gesundheitswesen sagen: Es bestehen grosse Herausforderungen mit dem demographischen Wandel und den verfügbaren Ressourcen die Effizienz, Sicherheit, Zuverlässigkeit und Flächennutzung für die Patientenversorgung zu optimieren. Technische Lösungen stehen vielfältig zur Verfügung jedoch braucht es ganzheitliche Ansätze zur Organisationsentwicklung, um das Denken in Silos zu überwinden.

Die Veranstaltung wurde unterstützt von Alloga, 7 Days, Post, OZG und GO!

Die nächste VNL-Fachtagung zur Logistik im Gesundheitswesen findet am 5.11.2026 statt.

www.vnl.ch