Der Arbeitsmarkt hat sich gewandelt. Prozesse laufen schneller. Erwartungen sind höher. Profile komplexer. Und trotzdem suchen viele Unternehmen weiterhin nach dem perfekten Lebenslauf. Lückenlos, branchenrein, international, digital affin, strategisch stark und operativ belastbar. 
Mathias Siegenthaler, CEO Logjob AG
Doch die Realität ist komplexer geworden: geopolitische Unsicherheiten, konjunkturelle Herausforderungen sowie steigende Arbeits- und Logistikkosten in Europa und der Schweiz fordern Wirtschaft und Führungskräfte heraus. In diesem Umfeld greifen traditionelle Anforderungsmodelle zu kurz.
Die eierlegende Wollmilchsau existiert nicht. Und selbst wenn sie existieren würde, hätte sie längst drei Angebote auf dem Tisch. Heute erfolgreich zu rekrutieren bedeutet, den Blickwinkel zu verändern: weg vom reinen CV, hin zum Potenzial.
Europa ist weiterhin geprägt von geopolitischer Unsicherheit: Lieferketten werden durch Konflikte, Energiepreisvolatilität und Handelsschranken belastet. Diese Faktoren haben direkte Auswirkungen auf Produktions- und Logistikketten und erfordern Agilität und Resilienz in Unternehmen. Auch die Schweiz spürt diese Entwicklungen: Exportmärkte sind volatil, Preise unter Druck, und Kapazitätsplanungen anspruchsvoll.
Zusätzlich stehen viele Branchen in Europa und der Schweiz vor konjunkturellen Herausforderungen. Gedämpftes Wachstum, steigende Finanzierungskosten und vorsichtigere Investitionsentscheidungen prägen die wirtschaftliche Lage. Das wirkt sich unmittelbar auf die Personalplanung aus: Kürzere Planungshorizonte, höherer Anpassungsdruck, erhöhte Erwartung an Flexibilität. Und nicht zuletzt sind Arbeits- und Logistikkosten gestiegen, was Unternehmen zwingt, Effizienz, Automatisierung und innovative Arbeitsmodelle neu zu denken. All diese Faktoren verlangen von Führungskräften nicht nur fachliches Know-how, sondern strategisches Denken, Umgang mit Unsicherheit und die Fähigkeit, Komplexität zu managen.
«Der Lebenslauf zeigt die Vergangenheit. Potenzial entscheidet über die Zukunft.»
Gerade in Logistik- und Supply-Chain-Funktionen verändern sich die Anforderungen rasant. Durch Digitalisierung, Nachhaltigkeitsdruck sowie die geopolitisch bedingte Reorganisation von Lieferketten. Wer heute Kompetenz auf morgen übertragen will, muss mehr sehen als reine Erfahrung. Fachkompetenz ist wichtig, aber sie reicht nicht mehr. Was Unternehmen dringend brauchen, sind Menschen mit:
- hoher Lernfähigkeit und Adaptionsstärke
- unternehmerischem Denken
- Erfahrung im Umgang mit Unsicherheit
- Fähigkeit, Komplexität zu strukturieren
- integrativer Führungsqualität
- Menschen, die nicht nur Prozesse verwalten, sondern sie hinterfragen und gestalten.
Und genau hier beginnt die Aufgabe einer zukunftsgerichteten Personalberatung. Ein Lebens-lauf ist eine Verdichtung: zwei Seiten Papier, Stationen, Titel, Daten. Doch was sagt das wirklich aus?
- Hat jemand ein Team geführt oder nur koordiniert?
- Hat jemand Kosten reduziert oder nachhaltig Strukturen verändert?
- Hat jemand Verantwortung in volatileren Zeiten übernommen oder nur Aufgaben ab-gearbeitet?
Diese Fragen werden nicht durch Algorithmen beantwortet. Sie entstehen im persönlichen Gespräch, durch Zuhören und gezieltes Nachfragen. Gute Executive Search bedeutet: zwischen den Zeilen lesen. Potenziale sichtbar machen, die auf dem Papier nicht offensichtlich sind. Und Unternehmen helfen, mutige Entscheidungen zu treffen. Oft sind es genau jene Kandidatinnen und Kandidaten mit nicht ganz linearem Werdegang, die in unsicheren Kontexten den grössten Impact erzeugen. In einer dynamischen Welt gewinnt ein Faktor massiv an Bedeutung: Unternehmenskultur. Fachlich passende Profile scheitern selten an Kompetenz. Sie scheitern an Passung. An Führungsstil. An Werten. An Kommunikationskultur.
Gerade in KMU’s, die flexibel und resilient agieren müssen, entscheidet nicht nur Exzellenz, sondern Haltung:
– Passt jemand in ein Umfeld mit hoher Eigenverantwortung?
– Kommt jemand mit klaren Hierarchien oder agilen Strukturen zurecht?
– Kann jemand in Transformationsphasen Orientierung geben?
Diese Dimension lässt sich nicht aus dem Lebenslauf ableiten. Sie braucht Erfahrung, Markt-kenntnis und echtes Verständnis für Menschen und Organisationen. Viele Unternehmen suchen Kandidaten, die „alles schon einmal gemacht haben“. Doch wer alles schon gemacht hat, wird selten noch gestalten. Potenzialkandidaten bringen Energie, Entwicklungshunger und Gestaltungswillen, gerade in Zeiten geopolitischer und wirtschaftlicher Unsicherheit sind das entscheidende Differenzierungsmerkmale. Sie sind vielleicht nicht in jedem Punkt per-fekt. Aber sie wachsen in Rollen hinein und formen sie mit. Personalberatung darf kein reiner Lieferant von Dossiers sein. Sie ist Sparringspartner auf Augenhöhe. Sie stellt unbequeme Fragen. Sie hinterfragt Anforderungsprofile. Sie fordert Wunschlisten heraus.
- Brauche ich wirklich 15 Jahre Branchenerfahrung?
- Oder brauche ich jemanden, der Komplexität managen kann?
- Muss der Kandidat aus derselben Branche kommen?
- Oder reicht Transferkompetenz?
Wer diese Fragen ehrlich beantwortet, erweitert seinen Talentpool erheblich. Und in einem Markt, in dem gute Leute rar sind, ist genau das ein entscheidender Wettbewerbsvorteil.
Mein Fazit: Die Zeit der perfekten Lebensläufe ist vorbei. Die Zeit der passenden Persönlichkeiten hat begonnen. In einer Welt geprägt von geopolitischer Unsicherheit, konjunkturellen Herausforderungen und steigenden Kosten sind nicht Titel und Stationen entscheidend, sondern Haltung, Lernfähigkeit und Wirkung.
Executive Search ist dann erfolgreich, wenn es gelingt, nicht nur Profile zu matchen, sondern Zukunft zu gestalten. Denn am Ende entscheidet nicht der Lebenslauf über Erfolg, sondern die Fähigkeit, in unsicheren Zeiten zu führen.
Mathias Siegenthaler, CEO Logjob AG
