Mit dem Projekt rXp RailTruck entwickelte ein Konsortium innovativer Unternehmen ein völlig neues Konzept für den Schienengüterverkehr in der Schweiz.
Im Schweizer Binnen-Güterverkehr werden jährlich rund 52 Millionen Tonnen auf der Strasse und rund 13 Millionen auf der Schiene befördert. Oder anders formuliert, die flexiblere Strasse überwiegt als Verkehrsweg. Doch dies hat sich in jüngster Zeit geändert. Vor etlichen Jahren prägten die Schweizerischen Bundesbahnen den Slogan: «Für Güter die Bahn». Eine Forderung, die heute von dem Umweltverbänden kräftig unterstützt wird. Man blieb denn auch nicht untätig, der Bund unternahm einiges, um die Attraktivität der Schiene zu steigern oder zumindest zu halten. Doch die Probleme im Schweizer Schienengüterverkehr haben sich in jüngster Zeit kumuliert. Der Einzelwagen-Ladungsverkehr von SBB Cargo funktioniert derzeit alles andere als optimal und die kürzliche Schliessung von acht Terminals von SBB Cargo in der Schweiz, trug auch nicht gerade zur Verbesserung der Situation bei.
Komplizierte Abläufe kosten Geld
Der Schweizer Binnengüterverkehr per Bahn ist geprägt durch die knapp 500 Anschlussgeleise, die von zahlreichen Industrie-Handels- und Gewerbeunternehmen, sowie Logistikdienstleistern betrieben werden und die etwa 90 Prozent des konventionellen Güterverkehrs abwickeln. Angesichts der relativ kurzen Transportdistanzen in der Schweiz, ist dieser Verkehrsweg allerdings kompliziert und teuer. Die durchschnittliche Transportdistanz auf der Schiene in der Schweiz beträgt rund 175 km diejenige der Strasse knapp 50 km. Angesichts dieser recht kurzen Distanzen – im Vergleich zum europäischen Ausland – setzen bestimmte Regeln dem Güterverkehr auf der Schiene Grenzen, denn auf den meist eher kurzen Transportdistanzen mit oft mehrmaligem Umladen, ist der Lastwagen schneller, doch der der steht in zunehmendem Masse im Stau. Im Jahr 2024 wurden nicht weniger als 55 569 Staustunden auf Schweizer Strassen registriert. Quintessenz daraus: Die Schiene hat durchaus noch Vorteile, sie müssen nur richtig genutzt werden.
Eine Cargo S-Bahn als Alternative 
Eine branchenübergreifende Allianz aus innovativen und leistungsstarken Unternehmen (siehe Kasten), will in den nächsten Jahren mit dem Projekt rXP InterregioCargo, Güter von der notorisch verstopften Strasse verstärkt auf die Schiene verlagern. Das intelligente Verkehrskonzept nutzt Bewährtes und eliminiert Schwachstellen des heutigen Schienengüterverkehrs. Geplant ist ein Gütertransport auf Kurz- und Mittelstrecken schnell und einfach wie die S Bahn und flexibler und kostengünstiger als der Einzelwagenladungsverkehr. Nach dem Nein des Schweizer Stimmvolks zum Autobahnausbau bleiben die Engpässe bestehen. Mit dem elektrischen Triebzug rXp RailTruck als Kernstück des Projektes, sollen Güter, die bisher auf der Strasse transportiert wurden, den Weg leichter auf die Schiene finden. Der rXp RailTruck soll rein privat realisiert werden. 
Das Konzept rXp InterregioCargo unterscheidet sich in einigen Punkten vom aufwendigen und bisher defizitären Einzelwagen-Ladungsverkehr (EWLV) von SBB Cargo. Mit dem rXp RailTruck werden zahlreiche kostentreibende Arbeiten und Aufwendungen des EWLV umgangen. Dank des elektrisch angetriebenen Triebzugs rXp RailTruck entfallen aufwendige und kostspielige Rangierarbeiten. Das Verladen der Container oder Wechselbrücken erfolgt auf Neben- oder Anschlussgleisen mit oder ohne Fahrleitung. Das ist möglich, weil der rXp RailTruck dank Batteriebetrieb auch auf Gleisen ohne Fahrleitung einsetzbar ist. Das erspart zeitraubende Stopps und erhöht die Flexibilität des Lokomotiveinsatzes. Der RailTruck wird vom VAP-Mitglied MFD Rail GmbH in Rotkreuz finanziert und im Mietverhältnis mit Full-Servcie Logistik- und Transportunternehmen angeboten werden. Die Initianten von rXp InterregioCargo sehen ihren innovativen Ansatz nicht als Konkurrenz zum bisherigen Schienengüterverkehr, sondern als Ergänzung für eine verstärkte Verkehrsverlagerung auf die Bahn. Dank der schlanken und kostenoptimierten Abwicklung beim Ver- und Entladen wird es für die Transporteure interessant, Güter auch auf kürzeren Strecken mit der Bahn zu transportieren.
Vier entscheidende Komponenten
Vier System-Bausteine prägen das Projekt der Güter-S-Bahn. Das Tool rXp-Plan-25.1 gibt dem Transport- und Logistikdienstleister die Möglichkeit, selbständig und unkompliziert einzelne Verkehrsmodelle auf der Schiene zu planen und zu berechnen. Das Konzept des rXp RailTruck wurde entwickelt und konzipiert als elektrischer Triebzug für den richtungsunabhängigen Fahrbetrieb mit Mehrfachtraktionsfähigkeit. Funktionell basiert er auf dem S-Bahn-Prinzip aus dem Personenverkehr. Er ist ausgelegt für eine Streckengeschwindigkeit von 120 bis 140 km/h mit kurzen Beschleunigungs- und Bremszeiten. Er verfügt über ein Batteriesystem für die autonome Bedienung der Anschlussgleise. So entfallen die Aufwendungen für Zuführung und Abholung der Güterwaggons in und aus den Neben- und Anschlussgleisen mit einem Rangierfahrzeug. Der RailTruck umfasst je nach Konfiguration mehrere Triebwagen mit je vier Antriebsachsen, was die Schienen schont. Im Batteriebetrieb erreicht er auch nicht-elektrifizierte Geleise und kann im Rangierbetrieb funkferngesteuert werden.
Temperaturgeführte Transporte als Plus
Der rXp RailTruck Zug ist ausgerüstet mit einem digitalen Betriebs- und Assistenz-System für die Betriebsdatenerfassung (Ladegewichte) und Zugüberwachung sowie Remote Monitoring zur Überwachung weiterer Systeme wie Handbremse, Ladezustand und der Standortanzeige. Alle Stellplätze auf dem Zug verfügen über 400V-Elektroanschlüsse für den elektrischen Betrieb von Container-Kühlaggregaten. Damit ist eine gesicherte Stromversorgung auch ohne Fahrdraht möglich. Die Ladeflächen nehmen alle gängigen Behälterarten wie Wechselbrücken sowie Container auf. Ein entscheidender Vorteil, denn temperaturgeführte Transporte sind nur mit dem rXp RailTruck möglich, dadurch können regionale Verteillager für temperaturgeführte Transporte entfallen. Der Umschlag all dieser Behälter von der Bahn auf den Lastwagen erfolgt horizontal mit dem LKW-Container-Umschlagsgerät EcoSlide T20 / T35, aber auch konventionell per Kran oder Reachstacker. Der EcoSlide ist ein Horizontal-Umschlagsgerät, das auf dem LKW-Rahmen montiert ist und den Umschlag von Behältern zwischen dem Lastwagen und der Bahn ermöglicht, und zwar an jedem Geleise, das über einen 4 m breiten Fahrweg verfügt. Das Umschlaggerät ist geeignet für den Umschlag von Wechselbrücken von 7.45m bis 23,60 m sowie ISO-Containern von 20 Fuss bis 40 Fuss Länge. Der rXp RailTruck ist geeignet für alle gängigen ISO-Container und EN-Wechselbrücken.
Als Einsatzbereiche für das neue System kommen verschiedene Systembetreiber in Frage. Zum einen Shuttle-Züge zwischen regionalen Logistikzentren, Rail-Ports und Anschlussgeleisen, für Post- und Werkverkehre als Shuttlezug zwischen Flughäfen und zwischen den Seehäfen zu den Hinterland-Terminals. Welches Unternehmen den rXp RailTruck bauen wird – es sind ein europäischer und ein chinesischer Hersteller im Rennen – und wie der Umsetzungs-Zeitplan des gesamten Projektes aussehen wird soll im Lauf des Monats März bekanntgegeben werden. Die Promotoren des Projektes gehen davon aus, dass der erste rXp RailTruck Ende 207 starten kann.
Sponsoren des Projektes rXp InterregioCargo
ATP Hydraulik AG, Küssnacht am Rigi
BeWe Logistik Consulting GmbH, Zug
Dreier Transport AG, Suhr
LTW Intralogistik GmbH, Wolfurt
MFD Rail GmbH, Rotkreuz
Renault Trucks (Schweiz) AG, Dietikon
Schmitz Cargobull Schweiz AG, Kappel SO
TecSol Switzerland AG, Wangen bei Olten
Fakten zum RailTruck
Zentrales Element des leichten und schnellen Triebzuges, der auch im S-Bahn-Netz verkehren kann, ist die Möglichkeit, Standard-Container und Wechselbrücken dank des innovativen EcoSlider-Umschlagsystems zwischen Nutzfahrzeug und Zug zu transportieren. Diese Lösung bietet folgende Vorteile:
- Grosse Zeiteinsparungen, da weniger Rangierarbeiten erforderlich sind
- Geringere Kosten durch reduzierte Manipulationszeiten
- Terminalfreie Transporte direkt von und zu den Anschlussgeleisen
- Optimierte Nutzung vorhandener Geleiseinfrastrukturen und freier Trassekapazitäten
- Effizientere Planung eigener Zugverkehre
Kurt Bahnmüller
(Bilder: RailTruck)
